Grenzenloses Wachstum und die Verteilung des Wohlstands in Deutschland

Immer mehr produzieren, immer mehr verkaufen, immer mehr besitzen: Wachstum gilt häufig als Antwort auf nahezu jedes wirtschaftliche Problem. Doch eine begrenzte Erde kann keinen unbegrenzt steigenden Verbrauch tragen. Und ein wachsender Wohlstand, der bei vielen Menschen kaum ankommt, löst auch die soziale Frage nicht. Deutschland braucht deshalb eine Debatte darüber, was wachsen soll – und wem die Erträge unserer gemeinsamen Arbeit zustehen.

Warum dauerhaftes Wachstum immer größere Mengen verlangt

Zwei Prozent Wachstum im Jahr klingen bescheiden. Entscheidend ist jedoch: Diese zwei Prozent beziehen sich jedes Jahr auf eine größere Ausgangsmenge.

Eine Menge, die jährlich um zwei Prozent wächst, verdoppelt sich ungefähr alle 35 Jahre. Nach rund 70 Jahren ist sie viermal, nach etwa 105 Jahren achtmal so groß. Das ist eine mathematische Beispielrechnung, keine Prognose. Sie zeigt aber, was eine dauerhaft gleichbleibende Wachstumsrate bedeutet.

Wenn es dabei um Rohstoffverbrauch, versiegelte Fläche oder Abfälle geht, trifft diese Entwicklung zwangsläufig auf Grenzen. Die Erde wird nicht jedes Jahr größer. Fruchtbare Böden, verfügbare Flächen und nicht erneuerbare Rohstoffvorräte sind begrenzt. Wälder, Gewässer und andere Ökosysteme können sich regenerieren, aber nur in einem begrenzten Tempo.

Wir müssen daher nicht erst den letzten Rohstoff verbrauchen, um in Schwierigkeiten zu geraten. Schon vorher können wir Lebensgrundlagen beschädigen: durch Klimaveränderungen, zerstörte Böden, verschmutztes Wasser und den Verlust von Arten.

Der Beweis lässt sich einfach formulieren: Eine physische Größe kann nicht unbegrenzt wachsen, wenn sie innerhalb eines Systems mit endlichen Ressourcen und begrenzter Regenerationsfähigkeit bleiben muss.

Auch die Zahl der Menschen und ihr materieller Verbrauch können unter diesen Bedingungen nicht beide endlos steigen. Daraus folgt keine Rechtfertigung, Menschen ihre Rechte oder Entwicklungsmöglichkeiten abzusprechen. Es folgt die Verantwortung, ein gutes Leben innerhalb der ökologischen Grenzen zu ermöglichen.

Die Wirtschaft kann sich entwickeln, die Erde aber nicht mitwachsen

Bei Wirtschaftswachstum ist eine Unterscheidung notwendig. Das Bruttoinlandsprodukt misst den wirtschaftlichen Wert der produzierten Waren und Dienstleistungen. Es misst keine Tonnen Rohstoffe und auch nicht unmittelbar die Lebensqualität.

Bessere Software, medizinische Fortschritte oder langlebigere Produkte können zusätzlichen Nutzen schaffen, ohne dass der Materialverbrauch im gleichen Verhältnis steigt. Deshalb wäre die Behauptung falsch, jeder zusätzliche Euro Wirtschaftsleistung müsse zwangsläufig mehr Natur zerstören.

Die entscheidende Frage lautet: Können Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung ausreichend sinken, während die Wirtschaft wächst?

Weniger Rohstoffe pro hergestelltem Produkt reichen dafür noch nicht. Verbraucht eine Fabrik je Stück 20 Prozent weniger Material, produziert aber doppelt so viele Stücke, steigt ihr gesamter Materialverbrauch um 60 Prozent. Effizienz verbessert die Bilanz pro Stück; sie garantiert keine Entlastung insgesamt.

Deutschland hat bei den Treibhausgasen Fortschritte erreicht. Laut Umweltbundesamt lagen die im Inland erfassten Emissionen 2025 nach einer ersten Berechnung 48,2 Prozent unter dem Niveau von 1990. Das zeigt, dass Umweltbelastungen erheblich verringert werden können. Diese Zahl allein belegt aber weder einen entsprechend gesunkenen globalen Ressourcenverbrauch noch erfasst sie vollständig die Emissionen unserer importierten Waren. (Quelle: Umweltbundesamt)

Global bleibt der Befund ernüchternd: Nach dem Global Resources Outlook 2024 des UN-Umweltprogramms hat sich die Rohstoffentnahme innerhalb von fünf Jahrzehnten verdreifacht. Ohne entschlossenes Gegensteuern könnte sie bis 2060 gegenüber 2020 nochmals um 60 Prozent steigen. Das ist ein Szenario, kein unabwendbares Schicksal. Es zeigt, wie weit die bisherige Entwicklung von einem dauerhaft tragfähigen Ressourcenverbrauch entfernt ist. (Quelle: UNEP und International Resource Panel)

Unbegrenztes materielles Wachstum ist unmöglich. Ob wirtschaftlicher Wert dauerhaft wachsen kann, während sämtliche maßgeblichen Umweltbelastungen innerhalb tragfähiger Grenzen bleiben, lässt sich mit diesem Argument allein nicht entscheiden. Als gesicherte Voraussetzung für unsere Zukunft dürfen wir es deshalb nicht behandeln.

Wer den Wohlstand tatsächlich ermöglicht

Eine Volkswirtschaft besteht aus Menschen, die etwas tun. Sie produzieren Lebensmittel, bauen Wohnungen, entwickeln Software, pflegen Kranke, reinigen Gebäude, unterrichten Kinder und halten Verkehrs- und Versorgungsnetze am Laufen.

Ein Unternehmensanteil pflegt keinen Menschen. Ein Grundstück backt kein Brot. Ein Aktienpaket repariert keine Stromleitung. Dafür braucht es Arbeit, Wissen und Zeit.

Unternehmerische Ideen, Organisation und die Bereitstellung von Kapital können ebenfalls zur Wertschöpfung beitragen. Investitionen ermöglichen Maschinen, Forschung und neue Betriebe; unternehmerisches Handeln kann Risiken einschließen. Daraus folgt aber kein sachlicher Grund, die Beiträge der Beschäftigten und der Gesellschaft kleinzurechnen.

Denn kein Unternehmen entsteht außerhalb der Gesellschaft. Es nutzt Schulen, Verkehrswege, öffentliche Verwaltung und eine verlässliche Infrastruktur. Hinzu kommen Leistungen, die in der Wirtschaftsstatistik nur unvollständig sichtbar werden: Kindererziehung, die Betreuung Angehöriger und andere unbezahlte Sorgearbeit.

Wohlstand entsteht gemeinsam. Wie seine Erträge verteilt werden, hängt jedoch auch von Eigentum, Verhandlungsmacht und politischen Regeln ab.

Große Vermögen und kleine finanzielle Spielräume

Deutschland ist ein wohlhabendes Land mit stark ungleich verteiltem Vermögen. Nach der Bundesbank-Befragung für 2023 besaßen die vermögendsten zehn Prozent der Haushalte mehr als die Hälfte des gesamten Nettovermögens. In einer ergänzenden Berechnung, die sehr vermögende Haushalte hinzuschätzt, lag ihr Anteil im dritten Quartal 2023 bei 60,5 Prozent. Nettovermögen bedeutet Vermögen abzüglich Schulden; Ansprüche auf gesetzliche Renten sind hier nicht enthalten. (Quelle: Deutsche Bundesbank, Ergebnisse der PHF-Studie 2023, veröffentlicht 2025)

Das heißt nicht, dass jeder Haushalt innerhalb dieser zehn Prozent zu den Überreichen gehört. Es zeigt aber, wie stark Eigentum konzentriert ist. Die Bundesbank stellt zudem fest, dass Immobilien- und Unternehmensbesitz eng mit hohen Vermögen zusammenhängen. Vermögensärmere Haushalte halten dagegen vor allem Bankguthaben und andere risikoarme Anlagen. (Quelle: Deutsche Bundesbank)

Wer viel besitzt, kann Erträge wieder anlegen und weiteres Eigentum erwerben. Wer sein Einkommen nahezu vollständig für den Alltag benötigt, hat diese Möglichkeit kaum. So kann vorhandenes Vermögen zusätzliche Vorteile schaffen, die mit der persönlich geleisteten Arbeit wenig zu tun haben.

Am anderen Ende der Verteilung fehlt vielen selbst ein überschaubares Sicherheitspolster: 2024 lebten laut Statistischem Bundesamt 32,2 Prozent der Bevölkerung in Haushalten, die unerwartete Ausgaben nicht aus eigenen finanziellen Mitteln bestreiten konnten. Das ist ein Befund für dieses Erhebungsjahr, keine Behauptung, die Lage verschlechtere sich ausnahmslos jedes Jahr. (Quelle: Destatis)

Eine Gesellschaft sollte diesen Gegensatz nicht als selbstverständlich hinnehmen: Auf der einen Seite können Menschen immer mehr Vermögen ansammeln. Auf der anderen kann eine kaputte Waschmaschine das Haushaltsbudget sprengen.

Warum sinkende Inflation den Alltag nicht wieder billig macht

Der Verbraucherpreisindex lag im Jahresdurchschnitt 2025 bei 121,9 Punkten, bei einer Basis von 100 im Jahr 2020. Das allgemeine Preisniveau lag damit 21,9 Prozent höher als fünf Jahre zuvor. Für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke lag der Index bei 136,2: ein Anstieg um 36,2 Prozent. (Quelle: Destatis, Verbraucherpreisindex)

Eine niedrigere Inflationsrate bedeutet deshalb nicht, dass die früheren Preise zurückkehren. Sie bedeutet zunächst nur, dass die Preise langsamer steigen.

Wie stark ein einzelner Haushalt belastet ist, hängt von seinen Ausgaben und der Entwicklung seines Einkommens ab. Wer wenig verdient und einen großen Teil davon für Lebensmittel, Wohnen und Energie braucht, besitzt jedenfalls weniger Spielraum, zusätzliche Belastungen aufzufangen.

Das erklärt, warum die abstrakte Nachricht von einer beruhigten Inflation wenig tröstet, wenn der Einkauf dauerhaft teurer geworden ist.

Wie Mieter den Vermögensaufbau anderer finanzieren

Ein Beispiel macht den Unterschied zwischen Arbeit und Eigentum deutlich: Ein vermögender Investor kauft ein bestehendes Mietshaus und finanziert einen Teil des Kaufpreises mit einem Bankkredit.

Dabei reicht die Bank nicht einfach einen zuvor angesparten Geldbetrag weiter. Mit der Kreditvergabe kann sie neues Buchgeld schaffen. In ihrer Bilanz entstehen gleichzeitig eine Forderung an den Kreditnehmer und eine Verbindlichkeit aus seinem neuen Kontoguthaben. Der Kreditnehmer erhält also verfügbares Geld und zugleich eine entsprechende Schuld. Die Bundesbank erklärt diesen Vorgang ausdrücklich als Geldschöpfung durch einen Buchungsvorgang. Das gilt grundsätzlich auch für andere Kreditnehmer. Grenzen setzen unter anderem Regulierung, Risiken und die notwendige Finanzierung von Zahlungsabflüssen. (Quelle: Deutsche Bundesbank)

Es ist deshalb keine Buchung nach dem Muster „bei der Bank minus eine Million, beim Käufer plus eine Million“. Auch ist der Käufer durch den Kredit zunächst nicht um dessen Betrag reicher: Seinem Guthaben steht die Rückzahlungspflicht gegenüber. Entscheidend wird, was er mit dem Kredit erwerben und durch dessen Erträge finanzieren kann.

Nehmen wir einen vereinfachten Fall: Nach Abzug von Instandhaltung, Verwaltung, Zinsen und anderen Kosten reichen die Mieteinnahmen aus, um den Kredit zu tilgen. Dann tragen die Zahlungen der Mieter den Schuldenabbau. Bleibt der Wert des Hauses gleich, steigt dadurch das Nettovermögen des Eigentümers. Er besitzt nach und nach einen größeren schuldenfreien Anteil am Haus.

Die Mieter finanzieren diesen Vorgang aus ihrem Einkommen. Soweit sie dieses durch Erwerbsarbeit erzielen, fließt ein Teil ihrer Arbeitsleistung über die Miete in den Vermögensaufbau des Eigentümers. Sie erhalten dafür Wohnraum, erwerben durch ihre Zahlungen aber keinen Eigentumsanteil.

Am Ende kann der Eigentümer ein abbezahltes Haus besitzen, während die Menschen, deren Mieten die Tilgung ermöglicht haben, weiterhin Miete zahlen.

Das bedeutet nicht, dass Vermietung ohne Kosten, Arbeit oder Risiken auskommt. Leerstand, Reparaturen und Wertverluste können die Rechnung verändern. Der entscheidende Punkt bleibt aber: Eigentum kann wachsen, weil andere für seine Nutzung bezahlen. Der Eigentümer muss dafür nicht im entsprechenden Umfang selbst arbeiten.

Beim bloßen Kauf eines bestehenden Hauses wird zudem zunächst kein zusätzlicher Wohnraum geschaffen. Es wechselt das Eigentum – und damit der Anspruch auf künftige Mieteinnahmen.

Wer bereits Sicherheiten besitzt, kann diese bei weiteren Finanzierungen einsetzen. So kann sich ein Kreislauf ergeben: Eigentum erleichtert Kreditaufnahme, Kredite ermöglichen zusätzliche Käufe, und die Erträge dieser Käufe tragen weiteren Vermögensaufbau. Das ist ein Mechanismus, durch den sich bestehende Vorteile verstärken können.

Bei extremem Reichtum geht es auch um Macht

Nicht jedes große Vermögen liegt als Geld auf einem Konto. Häufig besteht es aus Unternehmensanteilen, Immobilien und anderen Anlagen. Ein milliardenschweres Vermögen ist deshalb nicht dasselbe wie eine Milliarde Euro sofort verfügbares Bargeld.

Doch Eigentum vermittelt Ansprüche auf Erträge und Entscheidungen. Wer große Unternehmensanteile oder umfangreichen Immobilienbesitz hält, verfügt über Möglichkeiten, die weit über den eigenen Konsum hinausreichen.

Um die Konzentration extremer Vermögen zu kritisieren, müssen wir niemandem in den Kopf schauen. Ob jemand aus Gier, Ehrgeiz, Gewohnheit oder Verantwortungsgefühl handelt, lässt sich nicht pauschal feststellen. Die politische Frage bleibt dieselbe: Welche Konzentration von Eigentum und wirtschaftlicher Macht ist mit einer fairen Gesellschaft vereinbar?

Zur Größenordnung eine reine Beispielrechnung: Wer eine Milliarde Euro als ausgebbares Geld hätte und täglich 10.000 Euro verbrauchte, bräuchte dafür ungefähr 274 Jahre – ohne Zinsen oder andere Erträge.

Wer braucht mehr Geld, als er jemals für sein eigenes Leben ausgeben könnte, während Millionen Menschen um ihre finanzielle Sicherheit kämpfen?

Wenn wirtschaftliche Macht politische Macht wird

Noch gefährlicher wird die Konzentration von Vermögen, wenn finanzielle Möglichkeiten in politischen Einfluss übersetzt werden: durch große Parteispenden, aufwendige Lobbyarbeit, finanzierte Kampagnen oder die Kontrolle über reichweitenstarke Medien.

Nicht jede Spende und nicht jede Interessenvertretung ist Korruption. Die demokratische Frage lautet jedoch: Wie gleichberechtigt ist politische Mitwirkung, wenn die einen ihre Anliegen nach Feierabend vortragen müssen, während die anderen dauerhaft professionelle Einflussnahme finanzieren können?

Eine Stimme pro Person ist das demokratische Versprechen. Unbegrenzt käuflicher Einfluss kann dieses Versprechen aushöhlen.

Besonders problematisch ist eine Politik, die vorhandene Vermögen schützt, während sie die Verhandlungsmacht der Beschäftigten schwächt. Niedrigere Löhne können unter sonst gleichen Bedingungen Gewinne erhöhen. Niedrigere Steuern auf große Einkommen, Vermögen oder Erbschaften lassen den Betroffenen mehr Mittel zur privaten Verfügung. Was aus Sicht eines Eigentümers vorteilhaft sein kann, muss deshalb noch lange nicht im Interesse der Bevölkerung liegen.

Daraus lässt sich eine mögliche Interessenallianz erklären: Vermögende Akteure unterstützen politische Kräfte, die ihre wirtschaftlichen Vorteile absichern. Autoritäre Politiker können im Gegenzug von Geld, medialer Unterstützung oder einflussreichen Netzwerken profitieren. Wird politische Unterstützung gegen persönliche Vorteile oder bevorzugte Entscheidungen getauscht, geht es um Machtmissbrauch.

Überreiche brauchen nicht zwangsläufig eine Diktatur. Doch autoritäre Strukturen können denen entgegenkommen, die ihren Besitz gegen demokratische Korrekturen abschirmen wollen. Geschwächte Gewerkschaften, eingeschränkte Mitbestimmung, abhängige Medien und eine eingeschüchterte Zivilgesellschaft erschweren es der Bevölkerung, ihre Interessen durchzusetzen.

Dabei muss der Staat nicht insgesamt klein werden. Er kann gegenüber wirtschaftlicher Macht schwach und gegenüber der Bevölkerung ausgesprochen stark auftreten: wenig Kontrolle für mächtige Eigentümer, aber viel Kontrolle und Druck für diejenigen, die ihnen widersprechen.

Das ist hier eine Beschreibung einer Gefahr und eines möglichen Interessenzusammenhangs, keine Behauptung über die Absichten jedes vermögenden Menschen.

Eine Demokratie ist in Gefahr, wenn großer Reichtum politische Regeln kaufen kann, die noch größeren Reichtum ermöglichen und zugleich den demokratischen Widerspruch schwächen.

Bitterböser Friederich: Leistung ist mehr als Einkommen und Besitz und Reichtum ist keine Qualifikation

Diese Verschiebung beginnt auch in der Sprache. Wenn Spitzenverdiener als die gesellschaftlichen Leistungsträger hervorgehoben werden, wird Einkommen zum scheinbaren Maßstab dafür, wie viel jemand für die Gesellschaft leistet.

Friedrich Merz kritisierte im Oktober 2024 in der Sendung von Caren Miosga einen SPD-Vorschlag, das einkommensstärkste eine Prozent stärker zu besteuern. Nach dem Bericht von ZDFheute bezeichnete er eine solche Belastung als Belastung gesellschaftlicher Leistungsträger und des Mittelstands. Dabei ging es um sehr hohe Einkommen; Einkommen und Vermögen sind unterschiedliche Größen. (Quelle: ZDFheute, 14. Oktober 2024)

Die gesellschaftliche Wertung dahinter verdient Widerspruch: Eine Pflegekraft leistet nicht weniger für unser Zusammenleben, weil sie weniger verdient. Eine Reinigungskraft verliert ihre Bedeutung nicht dadurch, dass sie kein großes Vermögen besitzt. Und ein Mensch, der Angehörige unbezahlt pflegt, leistet etwas, obwohl dafür gar kein Einkommen entsteht.

Wer hohe Einkommen und großen Besitz zum entscheidenden Beweis von Leistung erklärt, verwechselt das Ergebnis der Verteilung mit dem Wert des gesellschaftlichen Beitrags.

Für eine Pflegekraft, die Verantwortung für kranke Menschen trägt und trotzdem um ihre finanzielle Sicherheit kämpfen muss, kann diese Sprache wie eine Ohrfeige wirken. Ihre Arbeit wird gebraucht, ihre Bedeutung aber im politischen Lob der Einkommensspitze an den Rand gedrängt.

Die Verwechslung von Reichtum mit Leistung kehrt die gesellschaftliche Wertigkeit um: Besitz erhält Anerkennung, während die Menschen, die den Alltag tatsächlich tragen, um angemessene Bezahlung und Respekt kämpfen müssen.

Was in Deutschland wachsen sollte

Aus den Grenzen materiellen Wachstums folgt nicht, dass wir Krankenhäuser, Schulen oder bezahlbaren Wohnraum zusammenstreichen sollten. Gerade solche Bereiche können mehr Investitionen und zusätzliche Kapazitäten brauchen.

Die Aufgabe besteht darin, zwischen notwendiger Entwicklung und zusätzlichem Verbrauch ohne entsprechenden gesellschaftlichen Nutzen zu unterscheiden. Mehr Versorgungssicherheit, bessere Bildung, langlebige Produkte und eine funktionierende Infrastruktur sind sinnvolle Ziele. Immer größere Absatzmengen und Vermögen sind für sich genommen noch kein Beweis für Fortschritt.

Auch die Verteilungsfrage verschwindet nicht durch Wachstum. Wird ein zusätzlicher Ertrag ungleich verteilt, kann die Wirtschaft größer werden, ohne dass diejenigen ausreichend profitieren, die täglich zu ihr beitragen.

Als politische Konsequenz bietet sich deshalb an: stärkere Tarifbindung und Mitbestimmung, eine bessere Beteiligung Beschäftigter an wirtschaftlichen Erträgen, leistungsfähige öffentliche Angebote und ein größerer Beitrag sehr großer Vermögen und Erbschaften zur Finanzierung gemeinsamer Aufgaben. Die konkrete Ausgestaltung muss Beschäftigung, Investitionen und ökologische Wirkungen berücksichtigen. Doch die Richtung lässt sich klar benennen: mehr Sicherheit und Teilhabe statt immer stärkerer Konzentration.

Warum Rückverteilung der treffendere Begriff ist

„Umverteilung“ klingt häufig so, als habe eine kleine Gruppe den Wohlstand allein geschaffen und solle anschließend etwas davon an andere abgeben.

Diese Vorstellung blendet aus, wie Wirtschaft funktioniert. Unternehmen und Vermögen beruhen auch auf der Arbeit von Beschäftigten, öffentlichen Leistungen, gewachsenem Wissen und gesellschaftlichen Voraussetzungen. Eigentum ist nicht dasselbe wie alleinige Urheberschaft am Wohlstand.

„Rückverteilung“ ist deshalb hier ein politischer Begriff. Er behauptet nicht, jedes große Vermögen sei rechtswidrig entstanden. Er benennt den Anspruch, dass ein angemessener Anteil gemeinsam geschaffenen Wohlstands zu den Menschen und zur Gesellschaft zurückfließt, die ihn ermöglichen.Ich habe den Begriff zum ersten Mal gehört bei Martin Oetting (https://www.youtube.com/@MartinOetting). 

Rückverteilung schützt deshalb auch die Demokratie: Sie begrenzt die Konzentration wirtschaftlicher Macht und stärkt die Unabhängigkeit der Menschen, die von ihrer Arbeit leben. Wer finanziell abgesichert ist und wirksam mitbestimmen kann, ist weniger abhängig von den Entscheidungen einzelner Eigentümer.

Eine begrenzte Welt kann kein grenzenloses materielles Wachstum tragen. Und eine gerechte Gesellschaft sollte ihre Zukunft nicht davon abhängig machen, dass immer noch mehr produziert werden muss, bevor die Arbeitenden endlich genug zum Leben erhalten.

Wer jeden Tag pflegt, baut, transportiert, reinigt, unterrichtet oder produziert, bittet nicht um die Großzügigkeit der Überreichen. Er hat Anspruch auf faire Teilhabe an den Ergebnissen gemeinsamer Leistung.

Deshalb ist das notwendige Konzept nicht Umverteilung, sondern Rückverteilung.

Und jetzt kommt ein interessanter Aspekt: Kinder sind in diesen Zahlen zwar enthalten, aber ihre besondere Situation wird im bisherigen Absatz kaum sichtbar. 

Dabei müssen wir zwei Dinge unterscheiden:

1. Bei der Vermögensverteilung zählt der Haushalt.
Eine alleinlebende Person zählt als ein Haushalt, eine Familie mit zwei Erwachsenen und drei Kindern ebenfalls. Die Aussage „Die vermögendsten zehn Prozent der Haushalte besitzen …“ bedeutet deshalb nicht „zehn Prozent der Menschen“. Sie sagt auch nicht, wie viel Vermögen jedem Kind gehört oder für seine Bedürfnisse verfügbar ist. Die Bundesbank untersucht hier die Vermögensverhältnisse auf Haushaltsebene. publikationen.bundesbank.de

2. Bei den 32,2 Prozent zählt die Bevölkerung – einschließlich der Kinder.
Lebt eine Familie mit zwei Erwachsenen und drei Kindern in einem Haushalt ohne ausreichende Rücklagen für unerwartete Ausgaben, gehören alle fünf Personen zur betroffenen Bevölkerung. Die Zahl bedeutet aber nicht, dass genau 32,2 Prozent der Kinder betroffen sind. Dafür brauchen wir eine gesonderte Auswertung. Presseportal

Für Kinder gibt es einen zusätzlichen, passenden Befund: 2024 waren 15,2 Prozent der unter 18-Jährigen in Deutschland armutsgefährdet – gut 2,2 Millionen Kinder und Jugendliche. Armutsgefährdung bezeichnet hier ein im Verhältnis zur gesellschaftlichen Mitte niedriges Haushaltseinkommen; Haushaltsgröße und Alter der Mitglieder werden berücksichtigt. Das ist ein anderer Indikator als die fehlenden Rücklagen. Statistisches Bundesamt

Für unsere Argumentation bedeutet das: Finanzielle Unsicherheit betrifft nicht nur die Erwachsenen, die Einkommen verdienen, sondern auch Kinder, die ihre wirtschaftlichen Ausgangsbedingungen nicht selbst bestimmen können. Mehr Familienmitglieder müssen versorgt werden; zugleich beansprucht Betreuung Zeit und kann die Erwerbsmöglichkeiten der Eltern begrenzen.

Besonders wichtig ist außerdem der Gedanke der ungleichen Startbedingungen: Kinder können weder beeinflussen, in welche Vermögensverhältnisse sie hineingeboren werden, noch haben sie diese durch eigene Leistung verdient oder verschuldet. Familienvermögen kann später beispielsweise eine Ausbildung, einen Wohnungskauf oder eine Unternehmensgründung erleichtern. Wo dieses Polster fehlt, müssen dieselben Schritte unter schwierigeren Bedingungen gelingen.

Damit bekommt „Rückverteilung“ eine weitere Bedeutung: Sie soll nicht nur geleistete Arbeit angemessen anerkennen, sondern Kindern faire Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen – unabhängig vom Vermögen ihrer Eltern.

Und jetzt mal provokant gefragt: Ich verzichte auf vieles, erziehe meine Kinder, ernähre sie, gebe ihnen Bildung und finanziere damit die Menschen, die später den Überreichen noch mehr Reichtum erwirtschaften? Da läuft was ganz gewaltig schief in Deutschland! Wir brauchen eine disruptive Neuausrichtung unserer Wirtschaft. Wir brauchen weniger Merz und weniger Spahn - wir brauchen mehr Verstand und Ehrlichkeit und irgendwie auch mehr Herz. Also Herz statt Merz…